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Psychoanalytische Ausbildung

Raum und Zeit geben und sich nehmen

Gegenüber vorherrschenden Tendenzen zur kurzfristigen psychotechnischen Beseitigung von Störungen oder Defekten betont die Psychoanalyse die Notwendigkeit von äußerem und innerem Raum und Zeit für die Auseinandersetzung mit sich selbst, für das Verstehen zerrissener lebensgeschichtlicher Zusammenhänge, für die Analyse unbewusster Sinnzusammenhänge und für die Fortführung konflikthaft oder traumatisch unterbrochener Entwicklungsprozesse. Dabei spielen Prozesse der kritischen Selbstreflexion, der Auseinandersetzung mit Angst, Schmerz, Trauer und Ambivalenz, die Akzeptanz unrealisierbarer Wünsche und Illusionen, der Toleranz für Unsicherheit, Krankheit und Leiden eine bedeutende Rolle. Die Psychoanalyse sieht die Möglichkeit dazu nur in einem längerfristigen, stabilen persönlichen menschlichen Begegnungs- und Beziehungsraum, der nur in engen Grenzen durch Leitlinien und Manuale regulier- und kontrollierbar ist. Solange der Mensch lebendig ist, befindet er sich in einem Spannungsverhältnis zwischen seinen Wünschen und Sehnsüchten, dazu gehören auch seine Idealvorstellungen und seine immer begrenzte Wirklichkeit. So besitzt die Psychoanalyse neben anderen gesellschaftlichen Kräften die Verantwortung, die Achtung der Individualität, der Leiden und Unvollkommenheiten, wie sie sich in Behinderungen und chronischen Krankheiten zeigen, und das Bewusstsein ihrer unlösbaren Verknüpfung mit der menschlichen Existenz zu bewahren.

Die Verflüssigung sozialer Strukturen durch eine rasante ökonomische und technische Entwicklung hat auch zu einer Auflösung bisher identitätsleitender Orientierungsschemata geführt, die dem Einzelnen halfen, eine einigermaßen kohärente Identität aufzubauen. Heute treten an die Stelle sicherheitsgebender Identitätsbildungen zunehmend offenere und oft fragmentarische Selbstentwürfe. Bindungen an Orte und Menschen sowie langfristige Festlegungen bestehen immer weniger. Flexibel sein, allzeit bereit sein sind die Forderungen, die das Leben auch schon von Studenten beherrschen. Das Hamsterradrennen des beschleunigten Lebens mit Turbo-Abitur, Turbo- Karriere, Turbo-Familiengründung lässt wenig Spielraum. Wir selbst werden immer mehr zum Zuschauer unseres Erlebens. Das Selbsterleben droht abhanden zu kommen.

Sich mehrere Jahre mit der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen und sich in die Verästelungen des eigenen Seelenlebens zu vertiefen, erscheint unter den gegenwärtigen Bedingungen vielen Menschen obsolet. Andere Therapieformen seien geeigneter: Coach statt Couch ist die Parole.

Doch der reine Appell an die Einsicht nützt nichts. Heilend wirken nur erlebte Einsichten, die mit starken Emotionen verbunden sind, und die in der Beziehung zum Analytiker wieder lebendig werden. Frühe traumatische Erfahrungen, auch aus der vorsprachlichen Entwicklungszeit, werden so in der Gegenwart neu erlebt und können in Worte gefasst und verstanden werden. Es ist diese erlebte Einsicht, die zu einer Restrukturierung führt, die Teil des Prozesses psychischer Veränderung ist. Erst dann können neue Erfahrungen gemacht und Netzwerke im Gehirn angelegt werden, die alte kranke Verknüpfungen umgehen – eine Vorstellung, die inzwischen von vielen Wissenschaftlern geteilt wird. Entscheidend bleibt, dass sich die Psychoanalyse gegen den Zeitgeist zur Anwältin eines Subjektverständnisses macht, bei dem der Einzelne die Bedeutsamkeit seiner Geschichte, seiner frühkindlichen Beziehungen und Identifizierungen als Möglichkeit begreift, sich in seinem Gewordensein besser zu verstehen, sich weiter zu entwickeln und sich damit aus konflikthaften und krankmachenden Einengungen zu befreien.

In der folgenden Vignette aus einer analytischen Behandlung möchten wir etwas von diesem analytischen Denken und Arbeiten vermitteln.

 

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