Psychoanalytische Theorie –
mit und ohne Freud über Freud hinaus
Auf welchem Boden bewegt sich ein Psychoanalytiker, wenn er Patienten mit solch schweren Krankheitsbildern wie in der Vignette behandelt? Bevor wir auf die dazu notwendige Ausbildung selbst eingehen, wollen wir zunächst den theoretischen Hintergrund darstellen. Was in diesem Zusammenhang als Erstes ins Auge springt, ist die enge Verknüpfung der Psychoanalyse mit dem Namen Freud – in der öffentlichen Vorstellung, wie sie die Medien prägen, geht das bis zur Gleichsetzung Psychoanalyse = Freud. Vor diesem Hintergrund geht es zunächst darum, in welcher Hinsicht das freudsche Erbe auch in der gegenwärtigen Psychoanalyse grundlegend und bis heute wesentlich ist. Dann werden zentrale Aspekte der zeitgenössischen Psychoanalyse dargestellt, die sich mit, teils aber auch ohne Freud über Freud hinaus entwickelt hat und weiter entwickelt.
Die Grundlegung der Psychoanalyse durch Freud
Die enge Verbindung zwischen der heutigen Psychoanalyse und Sigmund Freud (1856-1939) könnte befremdlich wirken. Spiegelt sich darin vielleicht, dass die Psychoanalyse ein Relikt aus vergangener Zeit und überlebt ist? Nur dass die Psychoanalytiker selbst das nicht mitbekommen?
Warum also soviel Freud auch noch in der gegenwärtigen Psychoanalyse? Der Grund dafür ist nicht einfach nur der, dass die Psychoanalyse in ihrem Kern von Freud formuliert und ausgestaltet wurde – vielmehr erweist sich dieses Erbe sowohl in der klinischen Arbeit wie für die theoretische Reflexion immer noch als vital!
Um nur die wichtigsten von Freuds Erkenntnissen zu nennen:
Menschenbild
Freud hat gezeigt, dass unser soziokulturell fundiertes alltägliches Selbstverständnis eines prinzipiell unbeschränkten Wollen- und Machen-Könnens nicht angemessen ist: Er spricht von der Illusion des Ichs als Herr im eigenen Hause. Das entsprechende theoretische Konstrukt ist das des Unbewussten. Damit verbunden ist ein dynamisch-konflikthaftes Verständnis des Menschen auf dem Boden der Triebtheorie: Der Mensch ist das nie stillgestellte, triebhaft-phantasmatische Wesen, das einen Ausgleich suchen muss zwischen seinen bewussten und unbewussten Trieb- und narzisstischen Wünschen und Phantasien einerseits und seinen dagegen gerichteten verinnerlichten Verboten und Geboten andererseits. Freud hat seine Erkenntnisse über das Unbewusste auch zur Untersuchung sozialer und kultureller Phänomene verwendet und damit die Grundlagen für eine psychoanalytische Sozialpsychologie und Kulturtheorie gelegt.
Modell der menschlichen Psyche
Diese Einsichten werden theoretisch konsistent in einem Modell der Psyche abgebildet. Hierhin gehören die Strukturtheorie psychischer Instanzen (Ich, Es, Über-Ich) und die Theorie der Abwehrmechanismen (z.B. Verdrängung, Isolierung, Rationalisierung).
Modell der psychosexuellen Entwicklung
Entwicklungspsychologisch wird die Bildung der Psyche in der konflikthaften Auseinandersetzung zwischen der menschlichen Triebseite (Sexualität, Aggression) und den die äußeren Verbote und Grenzen repräsentierenden elterlichen Instanzen beschrieben. Konkret sind hier z.B. die psychosexuellen Entwicklungsphasen (oral, anal, phallisch, genital) und der Ödipuskomplex zu nennen.
Krankheitsmodell
Auf der Basis der theoretischen Grundlagen wird ein ätiologisches Modell psychischer Erkrankung formuliert. Hierhin gehören die Allgemeine Neurosenlehre mit den Konzepten der Regression und Fixierung und die Spezielle Neurosenlehre (z.B. Hysterie, Angstneurose, Zwang).
Behandlungsmodell
Freud hat mit dem psychoanalytischen Setting (Patient liegt, Analytiker sitzt hinter der Couch; freie Assoziation des Patienten; mehrmalige Sitzungen pro Woche) ein nicht-direktives Behandlungsverfahren entwickelt, das mit dem Krankheitsmodell kompatibel ist. Das psychoanalytische Verfahren ist am Individuum orientiert und bietet den Patienten einen weitest möglich offenen Raum an, in dem konflikthaft-unbewusste psychische Inhalte zugänglich und bearbeitet werden können.
Von besonderer Bedeutung für den analytischen Prozess ist die Übertragung, d.h. die Verknüpfung lebensgeschichtlich erworbener Vorstellungen von Bezugspersonen mit dem Analytiker. Auf diese Weise wird das Einst im Jetzt, das Innere der Patienten im Außen, im Hierund- Jetzt der aktuellen emotionalen Beziehung zum Analytiker zugänglich.
Mit und ohne Freud über Freud hinaus
Hier einen auch nur annähernd vollständigen Überblick über die psychoanalytischen Entwicklungen seit den 40er Jahren zu geben, ist unmöglich. Besonders wichtige Namen sind Michael Balint, Wilfred R. Bion, Melanie Klein, Jacques Lacan, Donald W. Winnicott. Einer größeren Öffentlichkeit ist in den letzten Jahren Otto Kernberg bekannt geworden. In Deutschland haben Alexander Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter eine herausragende Rolle in der Entwicklung der Psychosomatischen Medizin und der politischen und sozialpsychologischen Anwendung der Psychoanalyse gespielt.
Mit Freud über Freud hinaus
Das bedeutet, dass die Erweiterung des psychoanalytischen Wissens teils in einer fortschreibenden, teils einer transformierenden Erweiterung von Freuds grundlegenden Einsichten und Konzeptionen besteht.
Ohne Freud über Freud hinaus
Das bedeutet zum einen, dass die psychoanalytische Forschung sich ganz neue Felder erschlossen hat; klinisch ist hier etwa die Erweiterung des Behandlungsspektrums z.B. um narzisstische und Borderline-Persönlichkeitsstörungen zu nennen, entwicklungspsychologisch die Erforschung der vorsprachlichen Mutter-Kind-Beziehung. Zum anderen sind Irrtümer Freuds, etwa solche im Hinblick auf die weibliche Sexualität, widerlegt und ad acta gelegt worden.
Einige Beispiele sollen die Entwicklung der Psychoanalyse nach Freud verdeutlichen:
Erweiterung der Grundkonzeptionen
Zur Triebtheorie ist die so genannte Objektbeziehungstheorie hinzugekommen. Das Erkenntnisinteresse richtet sich hier auf die realen und phantasierten Interaktionen des Kindes mit seinen frühen Bezugspersonen (theoriesprachlich: Objekte) und die entsprechenden Verinnerlichungsvorgänge. Die in diesen Prozessen entstehende innere Welt von Objektrepräsentanzen und inneren Objekten liegt unserem erwachsenen Denken, Fühlen und Verhalten zugrunde und strukturiert sie. Ferner ist die Bedeutung des Traumas in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.
Erweiterung des Modells der menschlichen Psyche
Das Strukturmodell, in dem etwa das Über-Ich und das Es mit seinen Triebwünschen miteinander um die Vorherrschaft ringen, lässt sich als ein erfahrungsnahes dramaturgisches Modell der Psyche auffassen. Diese Auffassung wird auf dem Boden der Objektbeziehungstheorie weiterentwickelt: Die innere Welt des Menschen erscheint als Wechselspiel zwischen den verschiedenen verinnerlichten Objekten, das durch äußere und innere Reize in Verbindung mit triebhaften Impulsen aktiviert wird. Die Theorie der Abwehrmechanismen ist durch die Beschäftigung mit psychogenetisch frühen Abwehrformen vertieft worden, z.B. Spaltungsprozessen nach dem Entweder-oder-Prinzip, das den Anderen nur als absolut gut oder als absolut böse wahrnehmen lässt.
Erweiterung des psychosexuellen Entwicklungsmodells
Unter dem Einfluss der Objektbeziehungstheorie sind die frühe Mutter-Kind-Beziehung und frühe kindliche Ängste und depressive Verlassenheitszustände zu einem zentralen Thema geworden. Das betrifft sowohl die klinische Forschung in der psychoanalytischen Situation wie die empirische Forschung (Säuglings-, Bindungsforschung), zwischen denen es Verbindungen gibt. Es geht dabei um psychische Entwicklungsprozesse (Mentalisierung, Symbolisierung), die mit Symbiose und Getrenntheit (Ablösung), Anwesenheit und Abwesenheit der Mutter verbunden sind. Dabei kommt dem Vater, sei er real anwesend oder in der Phantasie und über das Verhalten der Mutter präsent, eine wichtige Funktion als Drittem außerhalb der Mutter-Kind-Dyade zu (Triangulierung). Darüber hinaus ist die Auswirkung kindlicher Traumatisierungen (Verluste, sexueller Missbrauch, Gewalt) ein psychoanalytisches Forschungsthema geworden.
Erweiterung des Krankheitsmodells
Auf der Grundlage der Objektbeziehungstheorie sind über die Neurosen hinaus die so genannten frühen Störungen (z.B. Borderline- und narzisstische Störungen) ein zentrales Thema der klinischen Psychoanalyse geworden, und zwar sowohl hinsichtlich ihrer Ätiologie wie ihrer Behandlungsmöglichkeiten.
Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten
Zum einen gibt es eine Ausweitung des Indikationsbereichs im Rahmen des oben beschriebenen psychoanalytischen Settings, weil durch ein vertieftes Wissen um negative Übertragungen (aggressive und destruktive, durch Hass und Neid geprägte Übertragungen) es möglich geworden ist, auch früh gestörte Patienten psychoanalytisch zu behandeln. Darüber hinaus sind eine Reihe von Anwendungsformen der Psychoanalyse entwickelt worden, z.B. die psychoanalytische tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mit einer Sitzung pro Woche im Sitzen, die den Indikationsbereich noch einmal erweitert haben.
Für alle Formen psychoanalytischen Arbeitens gilt, dass die Reflexion der Reaktionen des Analytikers auf die Patienten in ihrer bewussten wie unbewussten Bedeutung (Gegenübertragung) ein wesentliches Erkenntnismittel ist; das führt deutlich über die klassische Psychoanalyse hinaus. Ferner ist gegenüber der früheren Betonung des Erinnerns und der lebensgeschichtlichen Rekonstruktion heute das Verstehen der Übertragungs-Gegenübertragungsprozesse im gegenwärtigen Hier-und-Jetzt zwischen Analytiker und Patient von zentraler Bedeutung. Erwähnt sei, dass zur Wirksamkeit der verschiedenen psychoanalytischen Therapieformen inzwischen teils umfangreiche Belege aus der empirischen Psychotherapieforschung vorliegen.
Trotz hartnäckiger Vorurteile:
Psychoanalytisches Arbeiten ist für die Patienten kein intellektuelles Herumstochern in ihrer Lebensgeschichte – und war es nie –, sondern eine intensive emotionalkognitive Auseinandersetzung mit sich in der Beziehung zum Analytiker, der in diesem Prozess ebenfalls als Person emotional wie kognitiv gefordert ist (deswegen ist die intensive eigene Analyse, die Lehranalyse, ein unverzichtbarer Teil der Ausbildung). Wie intensiv dieser Prozess ist und um welch tiefgehende Störungen es dabei geht, dafür war der vorangehende klinische Bericht ein Beispiel – die daraus sich ergebenden Konsequenzen für die Ausbildung werden nachfolgend dargestellt.
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